Die Welt der Animorphs
  Leseprobe Band 8 - Der Alien
 
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Leseprobe

... Die Wiese war schön. Grünes Gras und winzige Blümchen in Gelb und Violett.

Ein friedlicher Platz.

Im Schatten der Bäume schlich ich auf den Rand der Wiese zu. Ich sah nichts Ungewöhnliches. Keine Kampfdronen. Keine Hork-Bajirs. Kein Visser Drei.

Nur Wildtiere der Erde: zwei grasende Rehe, Eichhörnchen, die an den Baumstämmen rauf- und runterflitzten, ein Stinktier, das eifrig umherschnüffelte.

Es würde noch eine Stunde vergehen bis zu dem Zeitpunkt, den mir der Yirk Eslin genannt hatte. Mir blieb eine Stunde zur Planung und Vorbereitung.

Ich betrachtete die Wiese. Ein Bach von vielleicht einem Meter Breite teilte sie in zwei Hälften. Direkt am Bachbett stand das Gras sehr hoch.

Ich versuchte zu erraten, wohin der Visser laufen würde. Nach links oder rechts? Ich würde nur eine Chance haben und musste also richtig raten.

Ich stellte mir vor, wohin ich gehen würde, wenn ich an seiner Stelle wäre. Visser Drei steckte in seinem Andalitenkörper. Also würde er sich wohl bewegen wie ein Andalit.

Ich trat hinaus ins Sonnenlicht und ging zu einer Stelle neben dem kleinen Bachlauf, die mir geeignet zu sein schien. Hier war das Gras etwas niedriger und Visser Drei konnte mühelos ins Wasser treten.

Dann sah ich sie: Hufspuren. Andalitische Hufabdrücke.

Visser Drei. Ja, er war hier gewesen, vielleicht vor ein paar Tagen. Eslin hatte Recht. Dies war der Platz.

Ich musste mich auf die Lauer legen und abwarten. Bereit, im richtigen Moment anzugreifen.

In meinem Andalitenkörper konnte ich mich unmöglich verstecken, aber es gab ja noch andere Möglichkeiten.

Die Klapperschlange. Das war genau der richtige Morph. Konnte es für einen Blitzangriff etwas Besseres geben als den Körper einer Schlange?

Ich konzentrierte mich auf die Verwandlung. Fast unmittelbar spürte ich, wie sie begann.

Es war anders als bei allen Morphs, die ich je gemacht hatte. Normalerweise wurden meine Beine immer zu irgendwelchen anderen Beinen. Meine Arme wurden zu irgendwelchen anderen Armen, selbst wenn es nur Flossen waren.

Aber diesmal gab es keine Arme, keine Beine. Nichts von meinem Körper fand ein Echo in dieser neuen Gestalt, außer meinen Augen und dem Schwanz.

Meine Beine schmolzen einfach weg, verschwanden. Ich fiel zu Boden, ein beinloser Stumpf.

Meine Arme verschrumpelten und lösten sich in nichts auf.

Ich hörte es in meinem Körper knirschen, als alle meine Knochen in meiner Wirbelsäule zusammenflossen.

Ich schrumpfte. Rings um meinen Kopf wuchsen die Grashalme rasend in die Höhe und die violetten Blüten wurden größer.

Ein schreckliches Gefühl absoluter Hilflosigkeit überfiel mich. Ich hatte keine Arme! Und keine Beine!

Aber mein Schwanz ... ah, der war mir geblieben, wenn auch in völlig anderer Form. Meine Schwanzklinge gliederte sich plötzlich in eine Art Kette auf, in dutzende horniger Segmente, alle miteinander verbunden. Die Schwanzrasse der Klapperschlange.

Mein Fell verschwand sehr rasch, und über meine nackte haut wuchsen Schuppen. Wie wibzige kleine Panzerplatten, die zusammen ein braun-schwarz-gelbes Muster bildeten.

Mir wuchs ein Mund. Ein für meine Körpergröße riesiges Maul. Ich war eine Röhre, und das offene Ende war mein Mund. Es war ein grotesker, bizarrer Körper. Seltsamer noch, als der einer Ameise oder eines Fischs. Ich war eine Kreatur ohne Gliedmaßen.

Vor meinen Stielaugen wurde es dunkel. Eine große, erstaunlich lange, flinke Gabelzunge wuchs in meinem Maul. Aber sie war nicht wie eine menschliche Zunge. Der Geschmackssinn dieser Zunge übertraf alles, was eine Menschenzunge je zu leisten imstande war. Diese Zunge schmeckte und roch reine Luft.

Und dann fühlte ich, worauf ich gewartet hatte: riesige, lange, gekrümmte Zähne. Zähne, die dünnen Hohlnadeln glichen. Darüber wuchsen die Giftdrüsen und füllten sich mit Flüssigkeit.

Durch mein eigenes Bewusstsein hindurch fühlte ich den Verstand der Schlange wach werden.

Es war kein hitziger, überaktiver Geist wie bei manchen Tieren. Er überwältigte mich nicht mit Angst oder Hunger. Es war ein langsamer, bedächtiger Verstand. Der Verstand eines Raubtiers. Eines Jägers. Eines ruhigen, planvollen Killers.

Und erst die Sinne!

Die lidlosen Augen sahen sonderbare Farben, aber sie boten mir einen ausreichend guten Sehbereich.

Die Zunge, die aus einem Schlitz unten an meinem Mund herausschoss, nahm eifrig Geruchsbotschaften aus der Luft auf. Sie übermittelte eine unglaubliche Zahl von Sinneseindrücken: den Geruch von Gras und Erde, den Duft von Insekten sowie den geruch lebendiger, warmblütiger Kreaturen.

Dicht unter und hinter meinen Nasenlöchern saßen zwei Wärmesensoren, speziell auf Wärme von Beutetieren ausgerichtet.

Ja, dies war ein guter, nützlicher Morph. Der Visser würde mich nicht erwarten. Sein Andalitenkörper war schnell, aber nicht schneller als die Schlange. Das wusste ich aus eigener Erfahrung.

Ich glitt durch das Gras davon, bewegte mich mit wellenförmiger Anmut, mühelos, lautlos. Ich folgte meiner Zunge. Sie schoss heraus und wieder zurück, immer wieder, tastete, roch, schmeckte.

Ich fühlte den Verstand der Klapperschlange neben meinem eigenen. Er war ohne Furcht. Er hatte keine Ehre. Für ihn gab es weder Freunde, um die man sich sorgen musste, noch eine Familie, die man nicht enttäuschen durfte, noch Gesetze, die man übertreten konnte. Er empfand keine Einsamkeit. Die Schlange war schon immer allein gewesen.

Ich duckte mich ins Gras und wartete geduldig, regungslos. In meinem Kopf zählte ich die Minuten rückwärts.

Und dann spürte ich, wie die Erde unter mir vibrierte. Eine Erschütterung, ausgelöst durch eine landende Kampfdrone. Dann folgte eine zweite. Nur die beiden. Gar nicht so weit entfernt.

Es war so weit.

Die Yirks kamen - und mit ihnen Visser Drei.

Und als mich meine Angst in dem ruhigen See des Schlangengehirns ertränkte, bereitete ich mich darauf vor zu töten.

Und zu sterben.

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